Die Maske des 17. Jahrhunderts

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RupertBaer

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Daniel Defoes „Die Pest in London" ist ein Klassiker der Seuchenliteratur. Die Parallelen zur Gegenwart verblüffen

Seit Mitte März haben viele Menschen erstmals selbst Brot gebacken - oder kennen zumindest jemand, der sich während der Heimisolation daran versucht hat. Viele dieser Backwerke landeten in Form von Fotos in den sozialen Netzwerken. Vor 350 Jahren gab es noch kein Instagram, sogar das Zeitungswesen steckte noch in den Kinderschuhen. Doch auch dem Erzähler von Daniel Defoes Buch „A Journal of the Plague Year“ war es bereits ein Anliegen zu berichten, wie er in der Quarantäne zum Küchenhelden mutiert ist.

„Zunächst, da ich Einrichtungen sowohl für das Brauen wie für das Backen hatte, ging ich und kaufte zwei Sack Mehl“, notiert er, „und da wir einen Backofen hatten, backten wir für mehrere Wochen unser ganzes Brot; ich kaufte auch Malz und braute so viel Bier, wie alle Fässer, die wir hatten, fassen konnten und wie uns für einen fünf- oder sechswöchigen Bedarf meines Haushalts ausreichend schien; ferner legte ich eine gewisse Menge gesalzene Butter und Cheshirekäse ein.“ Nur auf Fleisch musste er verzichten, da Schlachthäuser und Metzger besonders stark betroffen waren.

1665 wütete die Pest in London. Wahrscheinlich war sie mit einem niederländischen Schiff eingeschleppt worden, rund einem Fünftel der Stadtbevölkerung sollte sie das Leben kosten. Insgesamt starben in der City, den Vorstädten und im Süden des Landes rund 100.000 Menschen. Das war zwar verhältnismäßig weit weniger schlimm als der Schwarze Tod um 1350 mit 25 Millionen Toten in Europa, dennoch ging diese Zeit als „Große Pest von London“ in die Geschichte ein.

Defoes Werk wirkt wie ein detaillierter Bericht über dieses Annus horribilis. Aus heutiger Sicht liest er sich erstaunlich zeitgenössisch - gerade so, als würde man Ticker-Einträge zur Corona-Krise, Covid-19-Fach-kommentare von Virologen, Essays von Philosophen sowie Statistiken über Todesopfer und betroffene Bezirke zu einem Sammelband zusammenstellen, durch den eine ordnende Erzählstimme führt.

Aber wer berichtet hier überhaupt? Der autobiografisch anmutende Text kommt dem Geschehen auf den Straßen von London sehr nahe, er wirkt fast wie eine Livemitschrift. Doch Defoes „Journal“ erschien erst 1722, ein gutes halbes Jahrhundert nach dem Pestjahr. Aus eigener Betrachtung können die Darstellungen nicht stammen, da der Verfasser 1665 erst fünf Jahre alt war. Die Literaturwissenschaft vermutet, dass dem Autor Aufzeichnungen eines Onkels als Quelle dienten. Dazu kam, was er über Dokumente und Statistiken zum Thema recherchiert hatte.

Das Ergebnis, ein dokumentarischer Roman, ist beispielhaft für Defoes Schreibmethode. Detailfreudig und realistisch, aber ohne jegliche Effekthascherei erzählt er in einem betont kunstlosen Reportagestil. Lange Schilderungen qualvoller Todeskämpfe erspart er den Lesern. Dennoch fühlt man sich wie mitten ins Geschehen geworfen.

Die meisten Wohlhabenderen sind 1665 bald aufs Land geflohen. Der Erzähler jedoch verharrt, um sein Geschäft und sein Haus zu schützen. Zudem hat er ein Auge auf die Handelsgüter seines Bruders, der die Stadt samt Familie verlassen hat. In einer großartigen Szene schildert er, wie ihm auf der verwaisten Straße plötzlich eine Gruppe von Frauen mit edlen Hüten begegnet. Das Lager seines Bruders war aufgebrochen worden. Die Damen aus der Nachbarschaft bedienten sich daraufhin unbekümmert, „als ob sie in einem Hutmacherladen wären und dort für ihr gutes Geld kauften“.

Die Reaktion des Erzählers erinnert an das Corona-Gebot des Distanzhaltens: „Ich war bestürzt, nicht über den Anblick so vieler Diebinnen, sondern über die Umstände, in denen ich mich befand, da ich jetzt im Begriff stand, mich unter derart viele Menschen zu stürzen, denen ich seit Wochen so aus dem Wege gegangen war.“

Auch über Vorbeugungsmittel gegen eine Infektion ist einiges zu erfahren. Sie „hielt ein mit Essig angefeuchtetes Taschentuch vor ihren Mund“ heißt es beispielsweise über eine gesund gebliebene Pflegerin - die Maske des 17. Jahrhunderts also.

Das Geschäft mit der Angst der Menschen boomte, Ärzte profitierten davon ebenso wie Wahrsager. Und wie in den ersten „Shutdown“-Tagen ging es auch im London der Pest-Tage um Vorratshaltung und Hamsterkäufe. Freilich verfügten nur die wenigsten Stadtbewohner über die nötigen Mittel, um sich für längere Zeit mit Lebensmitteln einzudecken; der Großteil der Bevölkerung war auf milde Gaben angewiesen.

Zum Thema Quarantäne: Häuser mit Erkrankten wurden geschlossen, Wächter passten auf, dass sie niemand verließ oder betrat. Diese Isolation funktionierte jedoch mehr schlecht als recht. Mitunter schliefen die Wachen ein oder sie wurden für Besorgungen weggeschickt. In diesen Momenten flohen Angehörige, die eine Ansteckung fürchteten - oft waren sie bereits infiziert und trugen die Pest weiter.

Den Reiz des Buches macht nicht zuletzt das Schwanken des Erzählers aus: Nüchtern-rationalem Hinterfragen aller verfügbaren Informationen steht seine Religiosität gegenüber, die ihn in so manchem dann doch ein Zeichen Gottes erkennen lässt. Daniel Defoes fiktiver Erlebnisbericht ist ein literarisches Meisterstück - und obendrein eine Anleitung zur Selbsthilfe im Katastrophenfall.

Sebastian Fasthuber in Falter Stadtmagazin Wien No 24 vom 10. Juni 2020
 
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